Bücher und Publikationen

Boff, Leonardo: Die Erde ist uns anvertraut. Eine ökologische Spiritualität. Butzon und Bercker GmbH,  Kevelaer 2010, 264 Seiten, 19,90 €

 

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff entfaltet in seinem neuen Buch ein beeindruckendes Plädoyer für  ein Zivilisationsmodell, das sich an der Fürsorge und der Achtsamkeit gegenüber der belebten und unbelebten Natur orientiert.

Die Befreiungstheologie, die sich 1973 mit dem grundlegenden Werk „Theologie der Befreiung“ von Gustavo Gutierrez zu Wort meldete, hatte ihren Ausgangspunkt in der Praxis der lateinamerikanischen Basisgemeinden und deren Option für die Armen.

Ein besonderes Merkmal der lateinamerikanischen Theologie war und ist die bewusste und aktive Auseinandersetzung mit den Gesellschafts-  und Sozialwissenschaften.

Boff erweitert diesen Ansatz nun durch das intensive Gespräch mit den Naturwissenschaften.

Er arbeitet die aktuellen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entstehung des Kosmos und zur Entwicklung des Lebens auf,  um damit nachvollziehbare Grundlagen und Argumente für eine ökologische Spiritualität zu erhalten und einen Paradigmenwechsel des bislang noch geltenden Zivilisationsmodells einzuleiten.

 

Der Anfang der 90iger Jahre von James Lovelock entwickelten Gaia-Theorie folgend, stellt er die Erde als einen lebendigen Gesamtorganismus dar, durch den im Laufe der Evolution die Grundlagen für das Entstehen und die Weiterentwicklung des Lebens gelegt wurden. Im Menschen liegt die Fähigkeit sich in diesen großen Organismus einzufügen oder aber dessen Zerstörung voranzutreiben.

 

Boff trägt aus allen Teilen der Erde erschreckende Beispiele für das zerstörerische Handeln der Menschen zusammen. Das Besondere dabei ist die Weite seiner Sichtweise: Er sieht die ökologischen, sozialen und ökonomischen Entwicklungen im Gesamtkontext einer Zivilisation, die auf Ausbeutung und Gewalt setzt und in der Mensch und Natur immer mehr unter die Räder kommen.  Ökologie versteht Boff in diesem Zusammenhang nicht als Einzelwissenschaft, sondern als Lehre der Gesamtzusammenhänge der belebten und unbelebten Natur.

 

Wie ein roter Faden durchzieht das ganze Buch die 2001 durch die UNESCO ratifizierte „Erdcharta“. Sie knüpft an die „Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung“ an, in der sich 1992 in Rio de Janeiro 178 Staaten auf die Agenda 21 verständigten und sich damit auf eine weltweite nachhaltige Entwicklung festlegten und konkretisiert die damals beschlossenen Maßnahmen.

„Wenn diese Erdcharta angenommen würde, würde sie den Bewusstseinsstand der Menschheit verändern…es gäbe auf der Erde keinen Platz mehr für Verarmung, Arbeitslosigkeit und Aggression gegen die Große Mutter“, so Boff Seite 217.

 

Boff weitet in seinem Buch den Begriff der Spiritualität aus. Es geht ihm um eine neue Sichtweise, eine neue Geisteshaltung, in der die naturwissenschaftlichen Fakten und das Sehen des Herzens zusammenkommen und ein neues ganzheitliches Verhältnis des Menschen zur Natur und zu sich selbst eröffnen.  Ein Ausdruck dieser Spiritualität ist die Feier der Eucharistie, die Boff als Feier der Mutter Erde zum Ausklang seines Plädoyers beschreibt.

Er bleibt dabei dem Ansatz der Theologie der Befreiung, die sich zu einer Theologie des Lebens weiterentwickelt hat, treu.

Das faszinierende und anregende Buch ist aus den Erfahrungen der Basisgemeinden erwachsen, die sich in ihrer „Option für die Erde“  für den Schutz der Erde und der Menschen einsetzen und die von der Spiritualität des Franziskus von Assisi getragen sind: Gegen Minen – und Staudammprojekte, gegen Vertreibungen und Abholzungen, um Ölpalmen für die Produktion von Agrodiesel anzubauen, gegen die Privatisierung von Wasser, Bildung und Gesundheitswesen.

 

Auch auf der internationalen Bühne stellen sich inzwischen Erfolge ein:

Die bolivianische Regierung hat im Juli 2010 erreicht, dass die UNO das Recht auf Versorgung mit Trinkwasser gegen die Privatisierungsgelüste der internationalen Konzerne in die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ aufgenommen hat.

 

Ralf Häußler, Wiblingen