"Gottes Fliesen und Jenseitskisten"

Konfirmandenarbeit im Zeichen der Veränderung

 

„Sind so kleine Drachen, mit viel Mäulern dran – darf man nie drauf schlagen, die verstummen dann!“ Diese Anspielung an Bettina Wegerer und ihr Lied „Sind so kleine Hände, winzge Finger dran, darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann“ ist durchaus gewollt: Den Kirchengemeinden und Pfarrämter ist mit der Konfirmandenarbeit eine große Verantwortung übertragen. Mit welcher Haltung gehen Pfarramt und Kirchengemeinden ans Werk, wenn im Frühsommer die Anmeldung für den Konfirmandenunterricht ansteht?
Zunächst einmal ist der Pfarrer, die Pfarrerin die zentrale Bezugsperson für die Mädchen und Jungen – die  erwartungsvoll auf das schauen, was da wohl vor ihnen liegen mag.
 
Nehme ich die Mädchen und Jungen als kleine Drachen wahr, dann ziehe ich wie Michael der Drachentöter ins Feld. Das ist der Situation durchaus angemessen, denn unsere Gegenüber treten gerade in die Pubertät ein und benötigen Persönlichkeiten, an denen sie sich abarbeiten können, die das Zeug und die Bereitschaft haben, Paroli bieten zu können. Ein Kuschelkurs birgt die Gefahr der völligen Konturlosigkeit von Pfarramt und Gemeinde; die Konfirmandenzeit bleibt zwar als nett, aber letztendlich als nichtssagend in der Erinnerung. Komme ich aber als Pfarrer/in mit zu schwerer Rüstung und Waffen daher, dann  werde ich den Fragen und Nöten der jungen Leute nicht mehr gerecht.
Wo stehen denn unsere Gegenüber in dem Alter von 13 Jahren, am Ende der siebten Klasse, dort wo die Konfirmation früher den Übergang vom Kindesalter in das Erwachsenenalter markierte?
 
Die 10 – 12 Jährigen begeben sich auf den Weg in die Welt. Ihr Blick weitet sich: Die Kinder können größere Zusammenhänge wahrnehmen und die Welt, die sich ihnen eröffnet, stellt sie vor viele Fragen, die beantwortet sein wollen.


Nicht umsonst legt der neue Schullehrplan den Start des Faches Geschichte von der 7. in die 5. Klasse.  Gleichzeitig geht es nun zum zweiten Mal um die zentrale Frage nach dem Vertrauen - jetzt aber im Kontext  komplexer Zusammenhänge, die der Weg in die Welt mit sich bringt:
Wird mir mein Weg gelingen? Gewinne ich das Vertrauen, um die Schritte in die Welt zu wagen? Ist es eine gute Welt, in die ich aufbreche?
Direkt an diese Phase anschließend spielt der Körper verrückt: die Hormone und Gefühle fahren Achterbahn. Die Körper werden ungelenk. Pickel und Zahnspangen verunstalten die Gesichter. Den noch kindlichen Fragen der 7. Klässler zur Welt, in die sie aufbrechen, folgen nun die Fragen, die Sorgen um die Rolle in der Gruppe, der Clique, der  Klasse. Konnte man sich gerade noch ganz unbedarft am Gespräch im Konfirmandenunterricht beteiligen, müssen die  Gerade-noch-Kinder nun darauf achten, was die Meinung der anderen ist. Man kann sich sonst ganz schön blamieren. Wie nehmen mich die Anderen wahr, die Gruppe und die Kirchengemeinde, mit der ich es mit einem Mal zu tun bekomme? Aus der Sicht der Erwachsenen werden nun die gerade noch „süßen Kleinen“ zu den „frechen Flegeln“, die nicht mal im Gottesdienst still sein können und vor nichts Respekt zu haben scheinen. Da knirscht es manchmal in der Gottesdienstgemeinde und wenige Zeit später im Kirchengemeinderat, wenn dort die Klagen über die Ungezogenen ankommen.

 

Wie stellt sich den Jugendlichen die Kirche dar? Wie anziehend sind wir für die Kinder, die in dieser Phase ihrer Entwicklung genau nach der Gemeinschaft fragen, in der sie sich aufgehoben fühlen können? Welch ein Vorbild können und wollen wir den Jungen und Mädchen geben, die nach einem Lebensstil fragen, der für sie überzeugend ist?

 

Wenn wir uns einem Haus, einer Wohnung nähern, in der Kinder aufwachsen, stellen wir schon an den herumliegenden Rollern, den Eimern im Sandkasten und vielen anderen Dinge am und im Haus fest, dass dort Kinder sind.

 

Wenn wir unsere Gemeindehäuser und Kirchen betrachten – merkt man es ihnen an, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der  Gemeindeglieder hier ihre Konfirmandenzeit verbringt? Schon die reinen Zahlen lassen einen nachdenklich werden:

Bei 20 Konfirmanden jedes Jahr, sind es immerhin in nur 5 Jahren 100 jugendliche Mitglieder der  Gemeinde, die freiwillig unser Angebot in Anspruch nehmen und beinahe ein Jahr nicht nur an den Mittwochnachmittagen bei uns sind.  

„Mit Kindern und Jugendlichen auf dem Weg des Glaubens“, mit der neuen Rahmenordnung für die Konfirmandenarbeit geht die württembergische Landeskirche seit dem Jahr 2000 einen neuen Weg. „Perspektivenwechsel“ und „Lernort Gemeinde“ bestimmen nun die Konfirmandenarbeit, die an die Stelle des traditionellen Konfirmandenunterrichts tritt.  

Martin Luther nahm mit der Abfassung des Katechismus die Verdunklung des Glaubens durch „unnützes und beschwerliches Geplapper“ ins Visier. Die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis,  Vaterunser, Taufe und Abendmahl, Sakramente und die Beichte sind die Kernstücke des Glaubens, die allerdings erläutert und erklärt werden müssen, damit sie sich allen Christen erschließen,  insbesondere den Pfarrern und Predigern, - so Luther;  und „Gott sein Gnadenwerk an uns vollbringen kann“. 

Luthers Ansatz war also eine Lerngemeinschaft von Predigern und Gemeinde.

 

Dies wird im vollzogenen Perspektivenwechsel wieder ernst genommen: Die Kinder und Jugendlichen, ihre Welt, ihre Fragen, ihre Hoffnungen und Ängste sind Ausgangspunkt der Konfirmandenarbeit.

Nun geht es zwar auch noch um auswendig zu lernende Grundtexte, die vermittelt werden sollen, aber der Blickwinkel hat sich geändert.

Das Pädagogisch-Theologische Zentrum der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gibt der neuen Rahmenordnung für die Konfirmandenarbeit entsprechend, neue Lernmaterialien heraus:

Unter dem Titel „anknüpfen“ werden alle Themen des Unterrichts völlig neu aufgearbeitet. Ausgangspunkt ist nun die Lebenswirklicheit der jungen Menschen.  

Der Weg führt weg vom Konfirmandenordner, der noch stark an die Schule erinnert, hin zum erfahrungsorientierten Lernen, mit viel Kreativität und Elementen aus der Erlebnispädagogik. Die Kinder basteln an „Jenseitskisten“, in die sie ihre Vorstellungen von Gottes Neuer Welt hineinpacken, erstellen Gottesfliesen, auf denen sie versuchen, ihre Wahrnehmung und ihre Erfahrungen mit Gott darzustellen.  Gebetsbücher mit Texten und Gedanken der Konfirmanden entstehen – damit die eingangs erwähnten Münder nicht verstummen, sondern die Kinder und Jugendlichen lernen, sich in einer immer unüberschaubarer werdenden Welt voller Esoterik und Religion zu orientieren und das für sie Gute zu wählen.

 

Mit  dem Stichwort „Lernort Gemeinde“ ist die Gemeinde vor Ort und die weltweite Kirche als Lebensraum, in dem die Konfirmandenarbeit geschieht zu verstehen. Wie wird Gemeinde gelebt? Was geschieht dort? Welcher Glaube und welcher Lebensstil wird dort gelebt?

 

An die Seite der Pfarrerinnen und Pfarrer treten nun in der Konfirmandenarbeit die Hauptamtlichen, ohne die die Arbeit der Gemeinde nicht möglich wäre, ebenso wie die Ehrenamtlichen in den Gruppen und Kreisen, aber auch als Teamer in der Konfirmandenarbeit. Der Aufbau von einem Team, die Vorbereitung und Durchführung der Konfirmandenarbeit im Team ist eine Herausforderung für die Pfarrämter und Gemeinden.

Zeit und Energie muss investiert werden. Eine neue Möglichkeit das Konzept „Lernort Gemeinde“ zu vertiefen sind die von der Schule geforderten Sozial-Praktikas. Eine gute Kommunikation mit den Schulleitungen ist auch unter dem Gesichtspunkt der Auswirkungen der Ganztagesschule auf die Konfirmandenarbeit, ebenso wie auf die gesamte Jugendarbeit eine Herausforderung, die in Zukunft noch mehr aufgegriffen werden muss. Wird der Mittwochnachmittag in der 7. Klasse schulfrei bleiben? Um diese Frage wird gerade mit der Landesregierung aber auch mit Kirchenvertretern, die bereit sind, den Mittwochnachmittag in der 7. Klasse zu opfern und den Konfirmandenunterricht in die 8. Klasse mit der Konfirmation vor den Sommerferien zu legen, gerungen. Oder wollen da ein paar Kirchenleute – unter ihnen wohl auch Pfarrer - die Zeit der Auseinandersetzung mit den „kleinen Drachen“ auf elegante Art verkürzen?

Noch einmal zurück zur Arbeit vor Ort - es gibt auch Unterstützung:

 

Ein  wichtiger Ansatz der neuen Rahmenordnung ist die Zusammenarbeit mit dem Jugendwerk und der konkreten Jugendarbeit im Kirchenbezirk und in der Gemeinde. Neben der gegenseitigen Unterstützung und bewußteren Wahrnehmung der jungen und der erwachsenen Gemeinde bieten die Erfahrungen der Jugendreferenten und des Jugendwerks mit der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einen Reichtum, der nicht zu überschätzen ist und die Konfirmandenarbeit ungemein befruchtet.

Schon im Jahr 2008 und verbindlich im Jahr 2009  werden die Konfirmationen mit einer neuen Agende gefeiert, die die Synode am 7.7.2007 verabschiedet hat. Diese Agende ist keine Ableseagende mehr, sondern mehr eine Werkstatt, mit deren Instrumenten der Konfirmationsgottesdienst zusammengestellt werden kann.

Die eigenen Beiträge der Jugendlichen werden aufgewertet. Im Gottesdienst soll nicht dem Diktat der Vollständigkeit gefolgt, sondern ein Thema entfaltet werden.  Glaubensprüfung oder gar Gelübde sind passé. Die Konfirmand/innen bekennen ihr Vertrauen, ihren Glauben auf die Zusage Gottes durch die Taufe.

 

In vielen Gemeinden noch neu ist der Konfirmandenunterricht in der 3. Klasse, KU3 genannt.

Dieser Ansatz ist nun auch ein reguläres Modell der Konfirmandenarbeit.  

Die Akteure sind Eltern, die von den Pfarrämtern unterstützt werden.

Das Kirchenjahr, Entdeckungen in der Gemeinde werden ebenso auf kindgemäße und kreative Art und Weise vermittelt, wie Taufe und Abendmahl.

Bislang sind es noch sehr wenige Gemeinden, die diesen Schritt wagen, aber die bisher gemachten und ausgewerteten Erfahrungen sprechen für dieses Modell – besonders wenn die Konfirmandenarbeit in der schwierigen Phase der 7. und 8. Klasse nicht gekürzt wird. So ist und bleibt die Konfirmandenarbeit eine wichtige Aufgabe der Gemeinden mit ihren Pfarrer/innen. Die Ansätze der letzten Jahre haben die Konfirmandenarbeit wieder in den Blickwinkel der Gemeinden gerückt.

Nur wenn Gemeinde und Pfarrer/in sich bei der Arbeit mit den jungen Leuten ergänzen, werden sich die Hoffnungen, die auf die neuen Modelle gesetzt werden, erfüllen: Dass die jungen Menschen in die Kirche hinein und nicht aus ihr herauskonfirmiert werden.

 

Ralf Häußler, Ulm-Wiblingen, den 7.2.2008